Fortschritt

Wir unterhalten uns über frühere Zeiten, tauschen unsere Erinnerungen aus der Kindheit aus und sind uns einig: Das Leben früher war härter, entbehrungsreicher. Und doch hatten wir den Eindruck, dass unsere Eltern und Großeltern näher an ihren Wurzeln waren, zufriedener und ausgeglichener als wir. Woran liegt das? Was sind die Ursachen für unsere gestresste Gesellschaft?
Peter und ich sitzen nun auf dem Vorschiff und schauen in die Ferne. Johann ist am Ruder. Wir setzen unser angeregtes Gespräch über unser Glück und Befinden fort. „Warum sind wir unzufriedener, gehetzter, haben weniger Zeit als unsere Vorfahren?“ Eröffnet Peter das Gespräch. „Eigentlich müssten wir die glücklichsten Menschen der Welt sein. Wir haben doch alles, was wir zum Leben brauchen und der Fortschritt beschert uns Erleichterungen und Luxus im Überfluss.“

Fluch under Segen?

„Ist es wirklich Fortschritt, was uns Wissenschaft und Technik in den letzten Jahrzehnten beschert hat? Hängt Fluch oder Segen von Fortschritt nicht damit zusammen, wie wir ihn nutzen? Ich denke, wir lassen uns nur allzu gerne von den Möglichkeiten verführen und die sind heute vielfältiger denn je.“
„Wir haben unseren Planeten erforscht und sind auf dem Mond gelandet. Wir verstehen eine ganze Menge von Navigation, Astronomie, Medizin, Geologie und so weiter. Und wir profitieren auch ganz praktisch davon. Wir haben Telefon, Fernsehen, Kühlschrank und Autos, wir können in ein paar Stunden ans andere Ende der Erde fliegen. Die Fortschritte überschlagen sich doch. Du solltest diese Fortschritte würdigen und dankbar dafür sein, denn auch du hast warme Kleidung aus Kunstfasern, auch du kannst mobil telefonieren, bekommst die besten Medikamente und medizinische Vollversorgung, wenn du sie brauchst …“
„… und auch wenn ich sie nicht brauche, das ist ja das Problem“, winke ich ab. „Der Fortschritt hat uns zum Beispiel Herz-Lungenmaschinen beschert, die in manchen Notsituationen ein Segen sein mögen. Zum Fluch werden sie, wenn wir todkranke Menschen an ihrem Lebensende noch Wochen und Monate daran zappeln lassen oder solange eben die Krankenkasse dafür zahlt. Die Menschen können an diesen Maschinen gar nicht sterben. Es ist eben nicht alles Machbare auch sinnvoll, nicht alles ein Fortschritt. Wir haben in Deutschland einen gigantischen Flächenverbrauch von 740000 Quadratmeter, jeden Tag! Das sind rund 100 Fußballfelder für die Bebauung mit Straßen, Einkaufszentren, Industriegebieten oder Vergnügungsparks. Wie lange wird es dauern, bis unsere Nachkommen ein Weizenfeld, eine Blumenwiese oder einen Wald nur noch im Museumsdorf bestaunen können? Das kann doch nicht so weiter gehen.“ Peter hört geduldig zu und ich lade meinen Frust bei ihm ab. „Ist es Fortschritt, wenn wir die Hälfte unserer Freizeit vor der Glotze hängen oder wenn unsere Kinder in der Schule mit Naturwissenschaften und Sprachen vollgestopft werden, aber nichts vom Leben mitkriegen? Schau Dir unsere Jugendlichen an. Wie viele sind abgehängt, haben aufgegeben, weil sie dem Druck nicht gewachsen sind. Wie sieht es mit ihrer sozialen oder mit der handwerklichen Kompetenz aus? Wir sollten sie lieber eine Woche in ein Survival-Camp schicken, statt nach einem höheren PISA-Ranking zu streben. Ist es Fortschritt, wenn …“
„Jetzt halt mal die Luft an, das ist ja alles richtig, aber es hat doch nichts mit Fortschritt zu tun. Für mich ist Fortschritt alles, was die Menschheit in ihrer Geschichte entdeckt, erforscht und erfunden hat. Was wir daraus machen, wie wir leben, wo wir unsere Prioritäten setzen, ist eine ganz andere Sache.“
“Aber die entscheidende Frage ist doch, ob der Fortschritt die Menschheit voranbringt.“
“Ist das nicht generell der Fall?“

Die Gier ist schuld?

“Ganz und gar nicht! Ist unsere Gesellschaft nicht krank? Süchtig nach mehr? Noch nie waren die Menschen so hektisch und in Zeitnot wie heute. Dabei müssten wir doch Zeit im Überfluss haben: Vor nur 200 Jahren hat ein Kaufmann mit seinem Pferdefuhrwerk die Überseewaren in 10 Tagen von Hamburg nach Frankfurt am Main transportiert – vielleicht eine Tonne je Fuhrwerk. Heute schafft ein LKW in sieben Stunden 20 Tonnen. Das Beispiel gilt für alle Lebensbereiche. Wir arbeiten heute so produktiv, dass wir eigentlich nur noch 30 Minuten täglich arbeiten müssten, um unseren Lebensunterhalt im damaligen Standard zu bestreiten. Aber das Gegenteil ist der Fall. Wir haben nicht mal mehr Zeit für das wertvollste unserer Gesellschaft – unsere Kinder. Wenn Fortschritt der Menschheit dienen würde, müsste es ihr doch besser gehen, dann müssten die Menschen glücklicher sein oder etwa nicht?“
„Theoretisch ja, aber da spielen noch andere Faktoren mit: Gier, Ehrgeiz, Neid, Konsum, all das macht uns blind für unsere tatsächlichen Bedürfnisse. Dein Feuerwerk gegen den Fortschritt richtet sich also eher gegen unsere Lebensweise. Außerdem haben wir uns dem Diktat der Zeit unterworfen“, analysiert Peter, „das hängt zwar auch mit dem Fortschritt zusammen, wirkt sich auf uns aber noch viel schlimmer aus.“
Es ist 18 Uhr. Wachwechsel. Wir brechen unser Gespräch ab und Peter übernimmt das Ruder. Ich will ein wenig schlafen, bin um 22 Uhr an der Reihe.

(Auszug aus „Besinnung unter Segeln“)

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