Universum, ich bin Dein

Es ist Nacht. Der Mond steigt riesengroß im Osten auf. Er lacht wieder. Seit dem Auslaufen in San Martin haben wir noch kein Schiff gesichtet. Ich dachte, wir würden zumindest mal einen Frachter zu Gesicht bekommen. Nichts. Nur Wasser, Wolken, Wind und Sterne. Das einzige Veränderliche sind die Wolken. Die Wellen verändern sich nur langsam, werden länger und ruhiger. Das kann sich aber schneller ändern, als uns lieb ist. Vermutlich kriegen wir in ein bis zwei Wochen, wenn wir nach Osten segeln, noch bewegteren Seegang.

Diese Weite, die Unendlichkeit der Ozeane beeindruckt mich, lässt mit ehrfürchtig werden. Mir wird erst hier so richtig bewusst, wie klein und unbedeutend wir doch sind in diesem Universum. Kann ein Mensch diese Unendlichkeit in ihrer Dimension überhaupt erfassen? Ich kann es nicht. Der Mond ist rund 384000 Kilometer von der Erde entfernt. Ein Lichtstrahl braucht für diese Distanz zirka 1,3 Sekunden, zur Sonne sind es schon einige Minuten, zum Polarstern dauert die Reise in Lichtgeschwindigkeit schlappe 678 Jahre! Alleine die Milchstraße zählt rund zweihundert Milliarden Sterne. Die Astronomen beobachten Sterne in über einer Milliarde Lichtjahren Entfernung und sie entdecken immer wieder neue Galaxien.
Damit verglichen ist der Atlantische Ozean, der so unbarmherzig seine Kraft zeigen kann, nur eine Pfütze. Und doch kann niemand diese Kraft bezwingen. Man kann nur lernen, mit ihr zu leben, sie zu nutzen und zu respektieren.
Angesichts solcher Dimensionen komme ich mir so winzig, so unbedeutend vor. Demut überkommt mich, das Gefühl, mich dem Universum zu ergeben. Dieses sich Ergeben macht alles Andere zur Nebensache, lässt mich ruhiger werden, gelassener und freier. Dabei hält sich unsere Spezies für die Größte und Wichtigste in diesem Universum. Wie lächerlich!
Dass diese Ordnung existiert, dass wir auf unserem Planeten überhaupt leben können, ist für mich unergründlich. Und immer, wenn meine Vorstellungskraft versagt, wenn sogar die Wissenschaft keine Antworten hat, wird mir klar, dass es eine höhere Macht geben muss. Man kann sie „Gott“ nennen oder „Schöpfer“ oder wie auch immer.
Ich bin mir sicher, dass es eine überirdische, universelle Kraft gibt, die dieses Universum so genial geschaffen hat. Das hat nichts mit Religion zu tun, ganz im Gegenteil: Religionen verengen mir den Blick. Menschengemachte Doktrin von kleingeistiger Denkweise und irdisches Streben nach Macht benebeln den Horizont. Ob Jesus mit den christlichen Kirchen einverstanden wäre? Wahrscheinlich nicht. Er war revolutionär, ein Freidenker. Und er hatte das Universum im Blick, den Menschen, nicht Ruhm, Reichtum und Machtstreben.

Mir kommt gerade ein Gedanke: Was wäre, wenn Jesus mal wieder auf unserer Erde vorbeischauen würde? Da ist nicht viel Gelebtes übrig von seiner Lehre, es sind nur Worte geblieben. Er würde seine Kirche nicht mehr erkennen. Vermutlich käme er nicht einmal zum Papst. Er würde schon beim Portier abgewiesen. Nein, gerade die katholische Kurie könnte Jesus nicht gebrauchen, er würde zu viel über Bord werfen, durcheinanderbringen, Ordnung schaffen.
Nicht einmal unser hoch geschätzter Papst Franziskus, so mutig, so tatkräftig und nah am Menschen er auch ist, kann den schwerfälligen Apparat im Vatikan in wenigen Jahren wieder „auf Kurs“ bringen. Zu festgefahren sind die Strukturen, zu eng die Sicht der Würdenträger.
In der katholischen Kirche kommen eben nur die Männer an Schlüsselpositionen, die auf Linie sind. Warum ist das Studium der angehenden Priester so eng auf katholische oder evangelische Theologie fokussiert, dass sie kaum etwas von anderen Religionen mitbekommen? Und warum setzt man Professoren, die eigene Vorstellungen haben, vielleicht sogar andere Erkenntnisse, als es der Glaubenskongregation genehm ist, kurzerhand ab? Kritiker sind unerwünscht, Querdenker stören das Glaubenskonstrukt. Die Kirche schmort sozusagen im eigenen Saft, im geistigen Inzest! Wie soll so eine Kirche dem Menschen dienen?
Ich wünsche mir glaubwürdige Kirchen, die im eigenen Stall mutig ausmisten, ihre Lehrsätze überdenken, ihre eigenen Verhaltensweisen reflektieren und vom Himmel wieder auf den Boden zu uns zurückkommen, denn wir bräuchten sie so dringend. Solange die Kirchen aber kein besseres „Rezept“ haben, als die Verantwortung im Gebet auf Gott, Jesus oder irgendwelche Heiligen zu schieben, taugen sie nicht zur Lebensberatung.

(Auszug aus „Besinnung unter Segeln“)

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar